domingo, 1 de abril de 2012

Ich bin angekommen



Hallo an alle! Hier kommt es also elektronisch angeflogen, mein erstes offizielles Lebenszeichen vom anderen Ende der Welt, genauer aus Santiago de Chile, Chile. Bevor es richtig losgeht, möchte ich mich für die Länge dieses Eintrags entschuldigen, aber es hat sich nun mal alles angestaut, was ich in meinen ersten dreieinhalb Wochen hier mitbekommen habe. Dieser erste Blogeintrag wird sich um meinen Alltag in Santiago drehen, während ich beim nächsten Mal dann auf meine ersten Ausflüge in das Umland und die etwas unnahbaheren Sehenswürdigkeiten der Großstadt eingehen werde. Ich freue mich immer über Kommentare, auch wenn ihr gerne mehr über ein gewisses Thema erfahren wollt, und natürlich Zuschriften jeder Art per Mail oder sonstwie. Nun aber ab ins Getümmel:

Santiago de Chile und ich, ich und Santiago de Chile!!!

 Chile hat gerade mal so viele Einwohner wie Nordrhein-Westfalen (17 Millionen),  davon wiederum lebt mehr als ein Drittel (6 Millionen) in der Hauptstadt. Diese breitet sich ausgehend vom Río Mapuche in alle Richtungen aus, wobei das Stadtgebiete im Osten durch die Andenkordillere begrenzt wird. Letztere verschwindet aufgrund des Smogs allerdings mit Vorliebe im grauen Dunst und erinnert die Santiaguinos daran, dass sie ein kurzes und von Schnupfen und Heiserkeit geprägtes Leben erwartet.
Plaza de Armas am Tag
Solche Lappalien sind mir selbstverständlich egal, weshalb ich mich am 6. März in das pulsierende Herz des pulsierenden Herzes des längsten Landes der Welt begeben habe: Die Plaza de Armas, das unbestrittene Zentrum eigentlich jeder lateinamerikanischen Stadt. Dort befand sich mein Hostel, in dem ich für eineinhalb Wochen notgedrungen unterkommen musste, bevor ich eine Wohnung gefunden hatte.

Chile wird oft als das "europäischste" Land Südamerikas beschrieben, damit einher geht meist auch die Aussage, Santiago de Chile sei sehr "geordnet". Aufgrund mangelnder Kenntnis anderer lateinamerikanischer Städte kann ich das schwer objektiv beurteilen. Allerdings hatte ich schon den Eindruck, dass die meisten Dinge zwar nicht so gut funktionieren wie wir das gewohnt sind, man aber insgesamt trotzdem ganz gut zurechtkommt. Ein Beispiel ist das Bussystem: Eine Übersichtskarte mit allen Linien gibt es nur im Internet, Abfahrtszeiten fehlen völlig und meistens kommt der Bus erst 15 Minuten gar nicht, dafür dann aber gleich drei derselben Strecke auf einmal. Auf der anderen Seite sind sie geräumig, sauber und man kann sich auf sie verlassen.

In eine ähnliche Richtung geht die Aussage, als Europäer würde man "aufgrund der vielen Einwanderer nicht auffallen" (Zitat Reiseführer). Dieser Aussage kann ich nicht zustimmen. Im Stadtzentrum und eingeschränkt an den Universitäten gibt es zwar schon einige hellhäutige Personen, aber trotzdem schwingt bei jedem Blick aus einer Menge oder auch unter Studenten die unausgesprochene Frage : De dónde eres? , also "Woher kommst du?" mit. Nur um das gleich klarzustellen: Ich habe damit überhaupt kein Problem, ich hatte dieser Aussage ohnehin nicht ganz so viel Glauben geschenkt. Erfreulich ist außerdem, dass man es wohl keine Nationalität gibt, die hier so gerne gesehen wird wie die unsere. Das liegt an den Deutschen, die im 19. Jahrhundert gezielt in Gebieten angesiedelt wurden, auf die die Chilenen keine Lust hatten und die für ein gewaltiges Aufstreben der dortigen Wirtschaft sorgten. Sogar das Museo Nacional sagt zu den Deutschen, dass ihre "Strebsamkeit und ihre Tugenden die Chilenen beeindruckt und nachhaltig beeinflusst haben". Zudem hat jeder einen Onkel oder einen Cousin oder einen Opa oder sonstwen, der Deutscher war. Nicht umsonst heißt der Innenminister Hinzpeter mit Nachnamen und einer meiner Professoren Cristobál Holzapfel. Diese Liebe erstreckt sich sogar auf die Politik, denn meinen bisherigen Erkundigungen zufolge ist Angela Merkel der einzige europäische Staatschef, den man hier für kompetent hält.


Ein paar Eindrücke


Der mächtige Río Mapuche
In einer "Free Tour" verschaffte ich mir als Orientierungsass erstmal einen groben Überblick über die Stadt. Dabei hilft einem zum Glück das sehr überschaubare Metro-Netz und der Fluss als
Orientierungspunkte. Das Bild links ist übrigens kein Symptom einer Augenkrankheit, sondern tatsächlich besagter Fluss, der a) angeblich im Frühjahr viel mehr Wasser führt und b) deshalb so braun ist, weil von seiner Quelle an Mineralien ausgewaschen werden. Angesichts der Kulisse glaube ich trotzdem, dass Müll und Abwässer ebenfalls eine Rolle spielen. 
Kommen wir allerdings erst nochmal zurück zum Stadtzentrum.
La Moneda von vorne
 Hier prügeln sich verschiedene Sehenswürdigkeiten um die Gunst des Betrachters, zum Beispiel  der Präsidentenpalast La Moneda ("Die Münze"), in dem im 19. Jahrhundert tatsächlich Münzen geprägt wurden. Dieses Gebäude war auch einer der Hauptschauplätze des Putsches von 1973: Salvador Allende, damaliger sozialistischer Präsident Chiles, schoss sich in den Kopf, während der Palast von den Truppen Augusto Pinochets gestürmt wurde. Lustiger Fakt am Rande, ohne hier zu sehr in die Politik abschweifen zu wollen: Pinochet war so sehr von sich selbst überzeugt, dass er sich in einem Plebiszit 1988 quasi selbst zur Wahl stellte. Das Volk sagte "Nein".

Salvador Allende auf der Plaza de la Moneda

 Auf der Rückseite des Palastes trifft man auf die größte chilenische Flagge der Welt.Wenn ich mich richtig erinnere, sagte der Stadtführer etwas von der Größe eines Fußballfeldes oder gar mehr.






Nicht nur deutsche Einwanderer gab es in Santiago, davon zeugt dieses französische Palais, das vor einiger Zeit von der Erbauerfamilie Subercaseaux dem chilenischen Staat überlassen wurde. Hier trifft sich heute der Stammtisch der heimischen Luftwaffe.





Auch ein absolutes Prestigeprojekt gibt es im Stadtviertel Providencia zu besichtigen. Das Costanera Center ist, wenn fertiggestellt, das größte Gebäude in Chile und angesichts der häufigen Erdbeben im Land der Tat ein gewagtes Unterfangen. In den unteren Geschossen befindet sich - natürlich - ein Einkaufszentrum, weiter oben gibt es Büroflächen, in denen seltsamerweise schon jetzt ständig Licht brennt.


 

Universidad de Chile

Kommen wir zur Universität, die ich leider aus Faulheit nur mit dem Wikipediabild unterlegen kann. Die Universidad de Chile wurde 1843 gegründet und ist damit die älteste und zugleich renommierteste Universität Chiles. In den nationalen Rankings streitet sie sich mit der Universidad Católica regelmäßig um den ersten Platz, und das obwohl sie landesweit die niedrigsten Studiengebühren aufweist - immer noch ca. 3000 € pro Jahr für die günstigsten Fächer. Bemerkbar macht sich das allerdings in der Verwaltung, die völlig zurecht als eine einzige Katastrophe verschrieen ist. Ich gehe an dieser Stelle nicht ins Detail, dafür bräuchte ich wohl einen einzelnen Blogeintrag. Es muss reichen, dass ich zwei Wochen nach Studienbeginn und mehr als einem Dutzend Bürobesuche immer noch nicht eingeschrieben bin.

Meine Fakultät, die Facultad de Filosofia y Humanidades, befindet sich im lauschigen Stadtteil Ñuñoa und teilt sich einen Campus mit mehreren weiteren Fakultäten. Weniger lauschig ist es, wenn direkt vor dem Eingangstor Guanacos auftauchen: So nennt sich einerseits eine Lamaart Südamerikas, andererseits ist es allerdings ein Spitzname für die lieblichen Wasserwerfer der Carabineros de Chile. Wie mir nämlich erst nach meiner Ankunft mitgeteilt wurde, studiere ich an der linkesten Fakultät der aufrührerischsten Universität des Landes. Besonders spektakulär dürft ihr euch das jetzt allerdings nicht vorstellen. Der Ablauf eines typischen "Protests", der in den letzten 3 Wochen genausooft vorkam, sieht nämlich so aus:
1.Ein paar Capuchos (Vermummte) zünden irgendwelche Plastikhaufen auf der Straße vor der Fakultät an. Dies erachtet man wohl als symbolträchtigen Ort.
2. Innerhalb von 10 Minuten läuten die Sirenen, die Randalierer werden mit Wasserwerfern und Tränengas beschossen und alle Studenten hauen entweder durch den Hinterausgang ab oder essen eine Empanada im 4. Stock, um den ätzenden Gasen zu entgehen. Das ist immer eine gute Gelegenheit, um ins Gespräch mit Chilenen zu kommen.


Spannend wurde es vor vier Tagen am Día del Joven Combatiente (Tag des jungen Kämpfers). Im Jahr 1985 wurden hier zwei junge linke Aktivisten angeblich bei der Ausübung einer Straftat ertappt und im Gefecht mit der Polizei getötet. Wie sich später herausstellte, waren die Erläuterungen der Pinochet-Regierung allerdings erstunken und erlogen. Seitdem gedenkt man an diesem Tag dem Freiheitskampf, wie der 1. Mai bei uns wird er inzwischen aber auch sehr gerne als Vorwand genutzt, um sich mit den Carabineros Straßenschlachten zu liefern wie hier vor der Universidad de Santiago de Chile (USACH). Dazu kommt alle paar Tage der obligatorische angezündete Stadtbus.

Unerwarteterweise hat am 19. März wie geplant das Semester begonnen und die Studienbedingungen sind bisher erstaunlich angenehm. Zwar ist das Gebäude alles andere als auf dem neuesten Stand, aber es erfüllt seinen Zweck. Neben einem Spanischkurs belege ich America Indigena bei einem Professoren-Urgestein, das beim Reden fast einschläft, Relaciones de Estados Unidos hacia America Latina entre 1865 y 1990 bei einem wahren Dinosaurier von 76 Jahren, der allerdings auch das entsprechende Fachwissen vorweist. Zudem sind wir nur sieben Leute im Kurs. Ähnlich verhält es sich in Antropologia Filosófica, der von oben erwähntem Herren Holzapfel gegeben wird. Das Arbeitspensum wird während des Semesters definitiv höher sein als ich das aus Passau gewohnt bin - allerdings habe ich bisher noch keinen Finger gerührt, wie sich das für einen guten Austauschstudenten gehört.
Während an der Universidad del Desarrollo, einer anderen, privat geführten Partneruniversität der Uni Passau, jede Woche die Zeitungsnachrichten abgefragt werden, um die Studenten zum Zeitunglesen zu zwingen, und eine Gruppenarbeit darin besteht, "sich in einer Bar zu treffen und kennenzulernen", wird an der UChile gelehrt, wie wir das gewohnt sind: Vorlesungen, Texte lesen, Prüfungen schreiben. Zudem trifft man dort noch am ehesten auf einen Querschnitt der chilenischen Gesellschaft, während die Privatunis sehr versnobt sind und jeder Student mit seinem Auto zur Uni kommt.

Lebst du nur, oder wohnst du auch?

 Eine der wenigen nützlichen Taten der Auslandskoordinatorin meiner Fakultät war, mich auf diese Residenz nur knappe zehn Laufminuten von meiner Fakultät in einer sehr beschaulichen Wohngegend hinzuweisen. Für 20 Leute ausgelegt, bewohnen wir das dreistöckige Gebäude momentan zu fünft, wobei zwei der Mitbewohner leider ihre Lippen nicht auseinanderkriegen. Effektiv sind wir also drei, dafür sind Paulo und Gabi (beides Chilenen) aber sehr sympathisch. Für knapp 300 Euro bekomme ich hier ein bescheidenes Zimmer mit Schreib- und Nachttisch, einen schattigen Vorplatz, Frühstück, Abendessen und einen automatischen Wecker gegen 8 Uhr jeden Morgen (Klingelton "Hundegebell").



Typisch Chile ist auch, dass Besuch nur sehr eingeschränkt möglich ist. Zunächst muss man ihn vorher ankündigen, weiterhin darf es nur eine Person sein und mit dieser darf man sich nicht im eigenen Zimmer aufhalten, sondern nur in den für alle zugänglichen Bereichen. Da besonders der Besuch des Freundes/der Freundin (hier Pololo/a) in chilenischen Familien ähnlich streng gehandhabt wird, ist es verständlich, warum man hier ständig und überall knutschende Paare sieht. Im Park scheint es einfach mehr Privatsphäre zu geben als im eigenen Heim. Die sehr verbreitete Theorie, die Chilenen würden sich einfach "lieber haben" als wir kalten Deutschen oder sich ihre "Zuneigung stärker zeigen", halte ich in diesem Zusammenhang für Schwachsinn. Die Chilenen sollten sich lieber mal eine liberale Scheibe von uns abschneiden, wenn es um dieses Thema geht, anstatt so zu tun, als würden sich deutsche Liebespaare untereinander verhalten wie CP3O und R2D2 zu ihrer Zeit.


Vom Scheiben abschneiden

Überhaupt ist es auffällig, wie konservativ die chilenische Gesellschaft teilweise ist. Ein Gesetzesentwurf, nach dem Frauen im Falle einer Vergewaltigung oder einer sicheren Totgeburt die Abtreibung erlaubt werden sollte, wurde kürzlich vom Präsidenten abgelehnt, und die Scheidung ist erst seit 2004 offiziell erlaubt. Vorher behalf man sich bürokratischer Tricks, um sie im Zweifelsfall zu "annulieren", oder man ignorierte seinen Ehestand einfach. Homosexualität ist - freundlich ausgedrückt - nicht so gerne gesehen. Auch die Polizeirepressalien im Zusammenhang mit den Studentenprotesten, aber auch als Reaktion auf Forderungen nach mehr staatlicher Unterstützung aus der Region Aysén im Süden des Landes entsprechen meinen Eindrücken nach dem Wunsch vieler Chilenen nach Ruhe und Ordnung. Auch das Thema Gleichberechtigung wird hier eher stiefmütterlich behandelt. Sind es bei uns nach einer landesweit anerkannten Studie 23% Gehaltsunterschied bei gleicher Arbeit zwischen Mann und Frau, kommt eine andere Studie für Chile auf 60%. Stellenanzeigen wie "Gutaussehende Frau mit Abschluss an Privatschule sowie französisch-spanischer Abstammung gesucht" wären hier jederzeit möglich.


Allgemein habe ich - pauschalisiert ausgedrückt - den Eindruck, dass die Gesellschaft hier viele Entwicklungen durchmacht, die bei uns vor 20 bis 30 Jahren stattgefunden haben. Zum Beispiel fängt man hier ganz zögerlich mit dem Recycling an (symptomatisch: an meiner Uni gibt es zwar die Schilder, wie der Müll einzuwerfen ist, aber die Mülleimer fehlen). An allen Ecken und Enden des Landes wird gebaut, wobei leider der wirtschaftlichen Entwicklung immer der Vorzug vor ökologischen Aspekten gegeben wird. Radfahrer werden in Santiago etwa so behandelt wie Ameisen auf dem Frühstücksbrötchen und die Sonntagsbeschäftigung eines mittelständischen Santiaguinos ist vorzugsweise Autowaschen.



Protest gegen ein geplantes Wasserkraftwerk in den Alpen
 Im Vergleich zu Deutschland extrem, aber für Lateinamerika normal ist der extreme Unterschied zwischen arm und reich. Der Gini-Koeffizient, der zwischen 0 (völlig gleiche Einkommensverteilung) und 100 (eine Person besitzt alles) liegt, beträgt hier 58% gegenüber 28% in Deutschland. Zwar sind die Zahlen für Chile schon zwölf Jahre alt, aber der Trend ist ersichtlich. Während man von meinem Wohnort aus in nur einer halben Stunde in die superreichen Viertel Las Condes und Vitacura kommt, sollte man sich als Weißer gegen Abend oder nachts nicht allein in die Viertel nördlich und westlich der Plaza Italia (entspricht in etwa "Santiago" auf dieser Karte) wagen, wenn man nicht um ein paar Pesos erleichtert werden möchte.


Das soll es für heute gewesen sein! Mein nächster Blogeintrag wird sich um meine bisherigen Ausflüge in Santiago und Umgebung drehen: Den Cerro San Cristobal, den Cajón del Maipo, die Stadt Talca und den noch bevorstehenden Ostertrip an die Küste (sprich: Strand!).Dazu werde ich vielleicht auch noch ein paar Worte zu meinem sozialen Leben verlieren ;). Ich hoffe, ihr hattet Spaß beim Lesen!


Dominik













 







2 comentarios:

  1. Hola hermano,
    bis man deinen ganzen Bericht gelesen hat, tun einem ja glatt die Knie weh (zumindest, wenn man auf dem Boden kniet und den ganzen Tag Ski gefahren ist). Mama hat dir deinen Aprilscherz schon wieder verziehen, nachdem sie, ich zitiere "so einen tollen Bericht gelesen hat. Man kann der gut schreiben!".
    Du scheinst ja schon wieder alle Winkel Santiagos gesehen zu haben, obwohl du ja erst drei Wochen dort bist. Die Tatsache, dass du immer noch nicht an der Uni engeschrieben bist, scheint dort ja niemnaden zu stören, und vielleicht kannst du dich ja auf diese Art um die Studiengebüren drücken :D
    liebe Grüße,
    Jessi

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  2. Hola mi hijo,
    schade, dass ich dich gestern nur über 2 Telefonleitungen verzerrt im Auto kurz gehört habe, aber Paps hat mir ja alles Weitere berichtet. Freue mich schon jetzt darauf, bald wieder mit dir zu plaudern. Eine gute, interessante und bereichernde Woche :-)), alles Liebe y besos mama

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